Eine neue Frau, eine zweite Heirat, geschlossen in der Erwartung zukünftigen Glücks – ein alltäglicher Ausschnitt zwischenmenschlicher Beziehungsformen. Doch just dieses Ereignis ist es, das in dem Schauspiel „STÜCK aus dem Leben“ die Spannungen innerhalb der Familie Marbach immer deutlicher werden lässt, ihr Aufbrechen beschleunigt und zu dem tragischen Ende der Hauptperson führt.
Emily, die 17-jährige Tochter, ist schon immer ein schwieriges Kind gewesen. Vom Vater verwöhnt, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat, hat sie sich nach Meinung der beiden älteren Geschwister Jörn und Alice daran gewöhnt, die Rücksicht aller für sich in Anspruch zu nehmen, sich in den Mittelpunkt zu setzen. Durch die neue Heirat des Vaters sowie dessen nachfolgende schwere Krankheit wird ihre Fixierung auf ihn für ihr gesamtes Umfeld offensichtlich, aber alle verkennen das Ausmaß ihrer psychischen Störung und die Notwendigkeit professioneller Hilfe – alle außer Susanne, der zweiten Frau, deren Ansicht aber von den Geschwistern geflissentlich überhört wird. Ob die Zerreißprobe von familiären Konflikten und beruflicher Überforderung zu Bernd Marbachs Schlaganfall beiträgt, der schließlich nach halbjähriger Leidenszeit zu seinem Tod führt, bleibt offen. Die Möglichkeit dessen ballt sich aber für Emily zu einer gefährlichen Mischung aus Schuld, Verzweiflung und zunehmender Vereinsamung zusammen, die sich im Handlungsfortlauf des Dramas entlädt.
Drei auf der Gegenwartsebene angesiedelte Friedhofsszenen – die Beerdigung Bernds, das Getuschel der Trauergemeinschaft und schließlich die Beerdigung Emilys – sind die tragenden Säulen des symmetrisch aufgebauten und insgesamt aus sechszehn Bildern bestehenden Dramas. Während diese Szenen Anfang, Mitte und Schluss markieren, umfassen Rückblenden in die Vergangenheit und Vorvergangenheit den größten Teil der Dramenhandlung. Nach dem Schema des analytischen Dramas konstruiert, werden auf diese Weise die Charaktere fein differenzierend entwickelt und das Geschehen der Gegenwart erklärbar gemacht. Das Bühnenbild, ein mit Symbolen für Scheidung, Wiederverheiratung, Erkrankung und die beiden Todesfälle versehener Zeitstrahl, dessen Zeiger auf die jeweilige Zeitebene eingestellt wurde, bot dem Zuschauer dabei eine Hilfe zur Orientierung.
Insgesamt wirkten bei dem Theaterprojekt rund 40 Schüler der beiden Theaterkurse und der Theater-AG der Kursstufe II als Schauspieler mit, die allesamt eine wirklich überzeugende Darstellung erbrachten und souverän auf der Bühne ihren Part verkörperten. Juliane Joswig brillierte in der Hauptrolle der Emily Marbach und stellte deren seelische Verfassung in absoluter Perfektion dar. Insbesondere während ihrer großen Monologe, die sich interaktiv mit dem Chor als eigene innere Instanz entfalten, hielten die Zuschauer den Atem vor dem an, was an Nöten nach außen drang. Ebenfalls eindrucksvoll spielten Lena Gropp und Maximilian Haupt in den Rollen der beiden älteren Geschwister, der dominanten Alice und des aalglatten Jörn, die beide der neuen Frau ihres Vaters ablehnend und Emilys offensichtlichen Problemen ignorant gegenüberstehen. Während Gropp sich zwischen inbrünstiger Wut und schneidender Kälte meisterhaft hin- und herbewegte, stimmte Haupt, stets mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen, überaus gekonnt die leiseren, aber nicht minder verletzenden Töne der Ironie an. Auch David Streit traf genau den richtigen Tonfall des Bernd Marbach, der immer mehr aufgrund anspruchsvoller Arbeit und nicht enden wollender Konflikte in der Familie ermattet. Nina Opfer spielte ergreifend subtil Susanne Fried-Marbach, die trotz ihrer Bemühungen und Sorge um Emily immer stärker von den Kindern angefeindet und bei gleichzeitiger monatelanger Pflege des komatösen Bernd bis zur Existenzkrise hin innerlich aufgerieben wird.
Die Autoren Marianne Pabst-Compart und Christoph Lauer haben das „STÜCK aus dem Leben“ eigens für die Theaterkurse und die Theater-AG der Schule geschrieben und führten auch Regie bei der Inszenierung ihres Erstlingswerkes. In der Konzeption des Schauspiels legten sie Freiräume für zwei Szenen an, die die Schüler der Theaterkurse füllten. Hierin wird Emily im Zusammensein mit Gleichaltrigen dargestellt, wobei ihre Unfähigkeit zur Integration erhellt wird. Die in jugendlich-authentischer Sprache angelegten Textteile, die dann exakt ins Ganze eingepasst wurden, trugen zur Lockerung des ernsthaften Tons und somit zur Ent-Spannung des Zuschauers bei, indem sie durch epische Elemente die Distanzierung vom Geschehen sowie die Reflexion des Dargestellten bewirkten. Das „Theater im Theater“, ein kurzer Szenenausschnitt aus Lessings „Emilia Galotti“, diente als Mittel der Verfremdung und verstärkte den epischen Charakter. Dem chorischen Sprechen kam eine besondere Bedeutung in dem Stück zu. Ein sich ständig neu zusammensetzender Chor lieferte zusätzliche Rollen für die vielen Mitwirkenden, aber vor allem ließ er sich multifunktional einsetzen: als Verstärkung wichtiger Textbausteine, als emotionales Gedächtnis, als innere Instanz und als Gegenspieler der Hauptfigur. Wer den schneidend-sachlichen Ton in seiner Klanggewalt vernahm, konnte sich eines Schauderns nicht erwehren.
Am Ende des Stücks spendeten die etwa 400 Besucher, die die Sporthallen füllten, dem Ensemble lauten und langanhaltenden Beifall. Abschließend dankte Schulleiterin Angelika Keßler-Hauß dem Autoren- und Regisseurenduo und gratulierte allen Schauspielern zu ihrer großartigen Leistung.
Marianne Pabst-Compart und Christoph Lauer
