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Premiere des seit dem Schuljahr 08/09 unterrichten Wahlfachs „Literatur und Theater“ als fünftes Prüfungsfach im Abitur
Während 55 Schüler des Bergstraßen-Gymnasiums ihre Präsentationsprüfung, die letzte der Abiturprüfungen, am vergangenen Montag, dem 28. Juni, vor Tafel, Overhead-Projektor und Beamer hielten, fand die Prüfung für fünf Schüler in einer gänzlich anderen Atmosphäre statt: Die Tische des Klassenzimmers waren einer 20qm großen Bühne gewichen, Licht- und Tontechnik war vorhanden sowie Sitzgelegenheiten für bis zu 40 Besucher. Mit etwas Vliesstoff, Stellwänden und der passenden Raumbeleuchtung war die Illusion der Theaterbühne perfekt.
Diese fünf Abiturienten hatten als Präsentationsprüfungsfach „Literatur und Theater“ gewählt, das seit dem Schuljahr 08/09 von der Lehrerin Marianne Pabst-Compart im Rahmen eines Schulversuchs unterrichtet wird. Die Schüler waren in den Wochen zuvor schon etwas aufgeregt, denn das neue Fach fordert eine eine völlig andere Prüfungsform sowie andere Schwerpunkte und niemand wusste so recht, wie dies realisierbar sein sollte, zumal man nicht auf die Erfahrungen des vorigen Jahrgangs zurückgreifen konnte. Aber zunächst mussten auch diese Schüler wie alle anderen Abiturienten jeweils vier Themen einreichen, von denen das von dem Prüfungsvorsitzenden ausgewählte innerhalb einer Woche bearbeitet werden musste.
Während dieser Woche wurde den Schülern kreatives, künstlerisches Arbeiten abverlangt, worauf sie aber in dem zweijährigen Kurs intensiv vorbereitet worden waren. Zunächst sahen sich die Prüflinge vor die Aufgabe gestellt, aus ihren Fähigkeiten im literarisch-textproduktiven Bereich zu schöpfen, um so eigenständig ein zehnminütiges Theaterstück zu verfassen. Parallel dazu musste ein passendes Inszenierungskonzept entwickelt werden, das dem Stück besondere Akzente verlieh. Hier war es möglich, völlig frei mit Elementen verschiedener Theaterkonzepte zu arbeiten und sie, da jeder Schüler sein eigener Regisseur war, zu kombinieren, wie es ihm am besten schien, was die Verwendung von Beleuchtungs-, Tontechnik und Requisiten mit einschloss. Ab Mittwoch, also zwei Tage nach Bekanntgabe der Themen, fanden bereits die ersten eigenverantwortlichen Proben der Schüler auf der für sechs Tage eingerichteten Bühne statt, womit die zweite Phase der Arbeit begann. Innerhalb weniger Tage musste das Stück auf der Bühne einstudiert und geprobt werden, wobei sich die Prüflinge dabei mehrerer Statisten aus dem Literatur-und-Theater-Kurs der zwölften Klasse bedienen konnten. Das angestrebte Ziel, nach dieser einen Woche das Stück aufführungsreif darbieten zu können, wurde trotz der knapp bemessenen Zeit von allen fünf Schülern erreicht, sodass sich am vergangenen Montag Raum 220 wahrlich zu einem Theatersaal wandelte. Dort hatte sich vor der Bühne eine dreiköpfige Prüfungskommission platziert, die die 10-minütige Aufführung jedes Schülers sowie dessen anschließende Auseinandersetzung mit der Inszenierung und theatertheoretischen Aspekten im ebenfalls 10-minütigen Kolloquium zu bewerten hatte.
Natalie Steglich, die mit ihrem Beitrag den Auftakt dieser fünf Theaterprüfungen bildete, hatte sich ein Thema überlegt, bei dem der bekannte Kriminalroman „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel die Grundlage ihrer Dramatisierung bildete. Sie schrieb den eigentlichen Kerntext um, indem sie eine wichtige Situation änderte und der Romanhandlung eine neue Szene hinzufügte, in der sich der Pfarrer des Dorfes an die Beichte einer der Ermordeten erinnert. Dabei stellte sie sich der Herausforderung, sowohl die Rolle des Pfarrers als auch die der ermordeten Barbara Danner zu übernehmen, der sie jedoch gewachsen war.
Lara Beiler widmete sich dem Thema Leben und Tod und entwickelte, ausgehend von verschiedenen Zitaten von beispielsweise Marcus Aurelius oder Immanuel Kant, die einen jeweils anderen Blickwinkel auf das Thema eröffneten, drei Szenen. In jeder dieser Szenen schlüpfte sie in eine andere Rolle und zeigte eine jeweils andere Art auf, wie Menschen mit ihrer Trauer umgehen und aus diesem Grund heraus ihr eigenes Leben reflektieren. Dabei stellte sie neben ihren kreativen besonders ihre schauspielerischen Fähigkeiten bei Rollen wie einer um ihr totes Kind trauernden und nun gänzlich überforderten Mutter oder einer Frau, die ihren Ehemann verloren hat, unter Beweis.
Lisa Hildebrandts Stück „Ingeborg Bachmann – Protagonistin ihrer eigenen Werke“ befasste sich mit dem Leben der Lyrikerin Ingeborg Bachmann. In einer ausdrucksstarken und anspruchsvollen Inszenierung, bei der mehrere Männer, die großen Einfluss auf Bachmanns Leben gehabt hatten, in Erscheinung traten, arbeitete sie die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit Bachmanns vortrefflich heraus und setze diese auch schauspielerisch gekonnt um. Die Durchdachtheit ihres Spiels zeigte sich auch darin, dass sie die ihr im anschließenden Kolloquium gestellte Aufgabe mühelos meisterte. Sie sollte die Szene aus ihrem Stück, die die zarte Beziehung Bachmanns mit Paul Celan symbolisierte, erneut vorspielen und dabei die unterschiedlichen Ausdrucksformen in Bezug auf Mimik, Gestik und Körperhaltung genau erläutern.
Anna Mayer bot eine in drei Szenen unterteilte Gefühlsachterbahn dar, bei der sie sich auf das Stück „Großstadtratten“ bezog, das im Frühjahr von der Theater-AG der Schule aufgeführt worden war. Sie erweiterte das eigentliche Ende des Stückes und gab zwei Figuren der Vorlage so erheblich mehr Tiefe, die sie äußerst gekonnt darzustellen vermochte. Franziska Weiß erhielt eine neue Szene, in der sie den Tod ihres Bruders und ihrer Mutter als Befreiung und Triumph ihrer selbst feiert. Gänzlich anders geht Emily mit dem Tod ihres Geliebten um: Sie setzt ihrem eigenen Leben ein Ende. In der letzten Szene gibt Franziska vor, der Tod ihrer Kindheitsfreundin Emily bedeute ihr nichts, muss zuletzt jedoch erkennen: „Ich bin da, wo ich immer hinwollte: ganz oben, aber – allein“.
Als Letzter war Christoph Lauer an der Reihe. Er hatte collagenartig ein Stück konzipiert, das Kafkas Hauptwerke „Proceß“, „Schloß“, „Brief an den Vater“, „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ sowie Kafkas Biographie zu einer subtilen und verdichteten Einheit verschmelzen ließ, dessen Zielsetzung sich auch im Titel widerspiegelte: „Kunstprodukt K.“ Allein die Stofffülle ließ erkennen, dass großes Abstraktionsvermögen und künstlerisch-produktives Geschick absolute Voraussetzung für dieses schwierige Unterfangen waren, wobei allerdings auch der Aspekt der Text- und Werkimmanenz zu berücksichtigen war, denn ansonsten misslingt eine Collage, die Facettenvielfalt verlangt, jedoch auch das Eingebundensein in ein ganzheitliches und stimmiges Konzept. Die Inszenierungsideen spiegelten ein Höchstmaß an schauspieltechnischen Fertigkeiten wider, der gelungene Figurenwechsel des Prüflings bei der Aufführung machte deutlich, dass er nicht zu denen gehört, die nur ein einziges Rollenfach bedienen können.
Als gegen Ende des Tages alle Prüfungen über die Bühne gegangen waren, waren es längst nicht mehr nur die Abiturienten, die sich über ihre hervorragenden Noten freuten, denn diese waren mit den Literaturkursschülern der zwölften Klasse, die als Statisten, Techniker und Helfer bei allen anfallenden Arbeiten unterstützend gewirkt haben, längst zu einer homogenen Gruppe zusammengewachsen. Egal wie klein die Rollen der Statisten waren, ihre Aufregung vor den jeweiligen Prüfungen kam der der Abiturienten gleich, denn alle zusammen fieberten den Prüfungen entgegen, die durch das große Engagement der Helfer erst zu dem geworden sind, was sie waren: keine bloße Prüfung, sondern eine großartige Zeit.
Verfasst von Christoph Lauer und Anna Mayer, Presseteam Pabst-Compart