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Geballt in ihrer Aussagekraft und bewegend in ihrer Handlung war die Inszenierung des Theaterarrangements „Großstadtratten“, dessen Grundlage das gleichnamige Stück von Petra Seedorff bildete, eine moderne Interpretation von Schillers Schauspiel „Die Räuber“. „Ich will leben, wie es mir passt!“ - Diese Forderung nach einem selbstbestimmten Leben, die vier Internatsschüler in die verheißungsvolle Großstadt treibt, ist einer der zentralen Aspekte der Neufassung. Doch der Niedergang der Gruppe ist ebenso unvermeidlich wie rasant, endend zwischen Nutten und Ratten und einem Sprung aus dem Fenster.
Präsentiert wurde das Ganze von der Theater-AG des Bergstraßen-Gymnasiums und dem Theaterkurs der Jahrgangsstufe 13 am Freitag, dem 5. März, in der Sporthalle der Schule, die sich in einen Schauplatz der Kälte und Trostlosigkeit eines heruntergekommenen Großstadtviertels verwandelt hatte. Regie führten Marianne Pabst-Compart, die die Theater-AG und den Literatur- und Theaterkurs leitet, und ihr Schüler Christoph Lauer. Auch die dramaturgische Arbeit, die aus umfangreichen Textveränderungen im Rahmen des Experimentierens mit modernen Theaterkonzepten bestand, war von dem Team vorgenommen worden. Um dem Zuschauer eine verblüffende Spiegelung von Original und Neufassung bieten zu können, waren zudem in den Basistext von Seedorff ausgesuchte Schiller’sche Textstellen einmontiert worden, was sowohl die Kontraste als auch die Ähnlichkeit beider Stücke ins Blickfeld rückte. Das von dem Theaterkurs 13 verfasste Zwischenspiel „Gestrandete der Nacht“ rundete die Eigenproduktionen, die den Basistext von Seedorff nahezu verdoppelten, ab.
Trotz offensichtlicher Unterschiede sind die Grundzüge der „Räuber“ in den „Großstadtratten“ erhalten geblieben. Der Protagonist Alexander Weiß, das Pendant zu Karl Moor, ist hier ein 18-jähriger Internatsschüler, der sich von der Gesellschaft und den geltenden Konventionen eingeengt sieht. Franz Moor nimmt in der Neufassung durch Franziska, Alexanders Schwester, Gestalt an, die ständig zugunsten seiner zurückgesetzt worden ist und sich in die benachteiligte töchterliche Rolle gedrängt fühlt. Auf Rache und die Übernahme der mütterlichen Firma sinnend, spinnt sie eine Intrige gegen ihren Bruder, indem sie den Bruder verleumdet und die Mutter auf ihre Seite zieht.
Alex‘ Reaktion verkörpert all den angestauten Frust: Zusammen mit drei Freunden reißt er aus, die vermeintliche Freiheit der Großstadt Berlin lockt. Dort erwartet die Gruppe jedoch nur der unaufhaltsame Niedergang; Spielschulden, Autodiebstahl, Drogengeschäfte bilden ein Netz, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Am Ende sieht sich Alex mit Schuldzuweisungen aller Art konfrontiert: „Wegen dir haben wir die Schule geschmissen, wegen dir sind wir zu Dieben, zu Dealern geworden!“, schreit ihm Spiegelchen, eine mit ihm aufgebrochene Internatsschülerin, entgegen. Die Mutter stirbt völlig verzweifelt und nervlich zermürbt, als sie im Krankenhaus erkennen muss, was aus ihrem Sohn geworden ist. Alex‘ anschließender Sprung aus dem Fenster ist der Schlusspunkt dieser fallenden Handlung, die ultimative Katastrophe.
Im Sinne des epischen Theaters sollte gemäß dem Inszenierungskonzept der Regisseure der aristotelische Spannungsbogen in dieser Aufführung vielfach gebrochen werden, um so dem Zuschauer Gelegenheit zur Reflexion zu bieten. Dies geschah durch die beiden immer wieder kommentierend eingreifenden Sprecher sowie Friederike, in deren Person Schiller höchst selbst in der Neufassung zu Wort kommen konnte, und die umfängliche Schlusserweiterung in ihrer desillusionierenden Wirkungsabsicht. Weiterhin dienten dazu die implantierten Stellen aus dem Originalwerk. Hierfür schlüpften die im Kernstück angesiedelten Schauspieler mithilfe eines Requisits in die jeweilige Parallelrolle, während die momentane Bühnenhandlung in den Zustand des Tocs, des Eingefrorenseins, versetzt wurde.
Als weitere Besonderheit erwies sich die erste Hälfte des von Schülern des Theaterkurses 13 verfassten Zwischenspiels, das, angesiedelt an der Nahtstelle des Ankommens der Ausreißer in Berlin, unterschiedlichste Impressionen der Großstadt vermittelte. Dialoge zwischen Obdachlosen, Theaterbesuchern, Betrunkenen, Huren und vielen mehr boten Einblick in die teilweise anziehende, teilweise abstoßende Facettenvielfalt des Nachtlebens in Berlin. Die zweite Hälfte bildete die von den beiden Dramaturgen produzierte Szene „Nachtcafé Gestrandete der Nacht“, Kulminationspunkt des „Stücks im Stück“, in dem die einzelnen Gestalten, auch die vier Flüchtenden, aufeinandertreffen, um sich, gelenkt von der rätselhaften Maîtresse de Nuit, ganz der geheimnisvollen Atmosphäre eines Literaturcafés hinzugeben. Albtraumartige Textsplitter zogen sowohl die Spielenden als auch das Publikum in ihren Bann, Gedichte vermittelten nächtliche Ängste und Heimsuchung, ein Traum stellte den Zwiespalt zwischen gewollter Individuation und ersehnter Geborgenheit dar. Im Ganzen war ein Teppich, gewebt aus den verschiedensten Eindrücken nächtlicher Empfindungen, für den Genuss freigegeben.
Die Komplexität des Stückes verlangte nicht nur von den Zuschauern ein gehöriges Maß an Konzentration, sondern insbesondere auch von den Akteuren, die sich absolut sicher auf der Bühne bewegten und ausdrucksstark ihren Part verkörperten. Sowohl das emotionale Eingestelltsein auf die jeweilige Rolle als auch die Sprachbeherrschung, die vor allem bei den Schiller‘schen Texteinschüben Voraussetzung für gutes Gelingen war, überraschten das Publikum. So vermochte Christoph Lauer nicht nur in der Rolle des Alexander Weiß, sondern auch in der des Schiller’schen Pendants Karl Moor der zunehmenden Verstrickung und der daraus resultierenden Hoffnungslosigkeit, die letztlich beide Männer in Abgründe tiefster Verzweiflung stürzen lässt, ergreifend Ausdruck zu verleihen. Er vermittelte das Gefühl absoluter Ausweglosigkeit mit einer derart erschreckenden Authentizität, dass kein Zuschauer davon unberührt bleiben konnte. Gleichermaßen ragte Anna Mayer durch die Darstellung der Franziska Weiß heraus. Vortrefflich beherrschte sie die gespaltene Zunge der böswilligen Intrigantin, mit der sie die Mutter dazu bringt, sich gegen ihren eigenen Sohn zu kehren. Der geballte Hass, der sich in ihren Monologen entlud, jagte dem Publikum schon in der ersten Szene einen Schauer über den Rücken, den es sobald nicht vergessen sollte. Aber auch Robin Sättele, der Franz Moor mit einer ebensolchen Garstigkeit verkörperte, hielt in seiner Expressivität Mayer die Waage. Gemeinsam errichteten sie ein unumstößliches Monument der Bösartigkeit. Seine Kompromisslosigkeit bei der Durchsetzung seines perfiden Plans schlug sich in donnernden Monologen nieder. Darüber hinaus trat Sättele als Blacky, Mitglied der ins Aus triftenden Kerntruppe um Alex, in Erscheinung und konnte manch einen Heiterkeitsausbruch des Publikums für sich verbuchen. Mit schauspielerischer Finesse überzeugten auch die anderen Kernstückakteure. So verstand es Nanni Schmitt, souverän die aggressiven Charakterzüge des von ihr dargestellten Spiegelchens auf der Bühne zu präsentieren, und Dennis Griethe verkörperte lässig seine Rolle als Dick, einer etwas einfältigen, permanent müden und hungrigen Figur, die hierdurch für allgemeine Belustigung sorgte. Der tief im Sumpf der Illegalität verlorene Charakter des Drogendealers Schnuffi wurde von Diego Araujo-Baldeon mit dem gleichen Niveau an Perfektion gemimt, mit dem es Leonie Kleinknecht gelang, der Rolle des aufständischen Punks mehr als nur gerecht zu werden und auch mit ihrer für diese Szene typisch-auffälligen Kostümierung zu bestechen. Eine absolute Meisterleistung in der Kunst der Darstellung bot Lisa Hildebrandt in der Figur der Friederike, gewandet in ein Rokokokleid. Sie beherrschte brillant die überaus langen und komplexen Textpassagen, wobei die Schwierigkeit darin bestand, eine riesige Bandbreite von unterschiedlichsten Emotionen überzeugend zu vermitteln: Abscheu und Verachtung gegenüber Franz/Franziska, tiefes Mitgefühl für Karl/Alex sowie leichte Überforderung in der Welt der Gegenwart mit ihren merkwürdigen Worten und Begriffen. Zudem beeindruckte sie in der bedingungslosen und hingebungsvollen Liebe, die sie in der Gestalt der Amalia für Karl zum Ausdruck bringen konnte. Hristina Kolesiotou und Julia Sprengel verliehen den beiden Sprechern ihren jeweils eigenen Charakter, um die Funktion der Kommentatoren möglichst abwechslungsreich zu gestalten und somit das Stück ganz im Sinne des epischen Theaters zu unterbrechen, was beiden in sehr unterhaltsamer Manier gelang.
Der Wille zur Perfektion schlug sich nicht nur im Spiel der Beteiligten, sondern ebenfalls in den sonstigen anfallenden Arbeiten nieder. Die Kulisse, entstanden unter der Leitung von Lisa Hildebrandt und Robin Sättele, zeigte eine schwarze Skyline auf einem bedrückenden, in düsterem Rot gehaltenen Hintergrund und erzeugte durch die wohl bedachte Farbwahl eine überaus passende Atmosphäre, die die Gefahr und die Schattenseiten der Großstadt verbildlichte. Das geschickte Einblenden von Geräuschen und Musik an geeigneten Stellen, besonders im Nachtcafé, in dem ein Wechsel von Textpassagen und Klaviersequenzen eine überaus faszinierende, ekstatisch anmutende Stimmung erzeugte, trug ein Weiteres zum Untermalen der Szenerie bei. Ebenso zeigte die Wahl der Kostüme und die Zusammenstellung akzentuierender Requisiten die Liebe zum Detail, die das Ensemble entwickelte, das während der vielen Proben, die wegen der umfangreichen Umgestaltung der ursprünglichen Fassung des Stückes erst im Januar mit endgültig festgeschriebenem Text beginnen konnten, zu einer die Höhen und Tiefen miteinander durchlebenden Gemeinschaft geworden ist.
Letzten Endes wurde die harte Arbeit entsprechend gewürdigt, da über 400 Gäste der Einladung zum Theaterabend gefolgt waren und am Schluss voll des Lobes für die über 50 Beteiligten waren. Heftiger Beifall sowie stehende Ovationen ließen die Begeisterung des Publikums, das die Halle bis auf den letzten Platz ausfüllte, über die hervorragende Leistung der Schauspieler ersichtlich werden. Auch die AG-Leiterin Marianne Pabst-Compart war sichtlich gerührt von der glänzenden Darbietung ihrer Schüler und betonte, dass sie ihre Erwartungen bei weitem übertroffen hätten und viele über sich selbst hinausgewachsen seien. Diesem Lob schloss sich auch Schulleiterin Angelika Keßler-Hauß an, die sich über das hohe Niveau der Aufführung freute und Pabst-Compart einen Blumenstrauß überreichte. Ebenso dankte das Ensemble seiner Regisseurin herzlich für ihr Engagement und die schöne Zeit, die man gemeinsam durchlebt hat.
„Man muss wieder elitärer werden“, mit diesen Worten hatte die Moderation den Regisseur Christoph Schlingensief anfangs zitiert. Diesem Anspruch wurde „Großstadtratten“ in jeder Hinsicht gerecht, und zweifelsohne lieferte dieser außergewöhnliche Theaterabend dem Zuschauer viele Anreize zur Reflexion. Schultheater konnte sich von seiner besten Seite präsentieren.